72 Minuten Hoffnung. Dann kollektiver Blackout
Verbandsliga MV | 2. Spieltag
SG Dynamo Schwerin – 1. FC Neubrandenburg 04 2:6 (0:2)
Manchmal ist schon das Schreiben eines Spielberichts keine einfache Aufgabe. Nach diesem Sonnabend fällt es noch schwerer. Nicht allein wegen eines 2:6 auf der Anzeigetafel. Sondern wegen der Art und Weise, wie dieses Ergebnis zustande kam. Denn lange Zeit erzählte dieses Spiel eine völlig andere Geschichte. Dynamo hatte viel investiert, einen 0:2-Rückstand aufgeholt und das Momentum auf seiner Seite. Dann kam die 72. Minute. Und anschließend brach etwas auseinander.
Kapitel 1: Bloß nicht wieder früh hinterherlaufen
Eine der Aufgaben vor diesem Spiel war offensichtlich. Nach frühen Gegentoren in den vergangenen Partien sollte diesmal nicht schon nach wenigen Minuten einem Rückstand hinterhergelaufen werden. Dynamo löste das zunächst auf seine Weise: Wir setzten uns in der gegnerischen Hälfte fest, hatten viel Ballbesitz und versuchten, die Kontrolle zu übernehmen. Getreu dem einfachen Gedanken: Wenn wir den Ball haben, kann der Gegner kein Tor schießen. In der 2. Minute gab es sogar die erste gute Möglichkeit, doch Neubrandenburgs Schlussmann parierte stark. Vier Minuten später musste auch auf der anderen Seite der Torhüter sein Können zeigen. Danach hatte Dynamo weiterhin viel vom Ball. Nur zu selten wurde daraus echte Gefahr.
Kapitel 2: Ballbesitz schießt keine Tore
Damit wären wir beim nächsten bekannten Thema. Dynamo hatte den Ball, suchte Lösungen und investierte viel. Aber rund um den gegnerischen Strafraum fehlte zu häufig die letzte Konsequenz. Die wenigen Möglichkeiten wurden nicht sauber genug ausgespielt oder unkonzentriert abgeschlossen. In anderen Situationen wurde noch einmal der Pass gesucht, obwohl vielleicht der direkte Weg zum Tor die bessere Entscheidung gewesen wäre. So entwickelte sich zunehmend ein kampfbetontes Spiel mit zahlreichen Unterbrechungen und Karten. Über einzelne Entscheidungen des Unparteiischen könnte man diskutieren. Nach einem 2:6 sollten wir allerdings zuerst vor der eigenen Tür kehren.
Kapitel 3: Zwei Schläge – und wieder einem Rückstand hinterher
Um die 30. Minute wurde aus einem bis dahin ausgeglichenen Ergebnis innerhalb kurzer Zeit ein 0:2. Doppelschlag Neubrandenburg. Beim zweiten Treffer darf man durchaus anerkennen: Der war sehenswert. Trotzdem offenbarte sich erneut ein Problem, das inzwischen nicht mehr vollkommen neu ist. Auf den Außenbahnen bekommen wir Situationen nicht konsequent genug verteidigt. Wer gegen Mannschaften aus dem oberen Bereich der Verbandsliga bestehen möchte, muss solche Räume besser schließen. Anders als eine Woche zuvor gegen Malchow gelang vor der Pause diesmal keine Antwort. Dynamo blieb offensiv zu harmlos. Zu häufig noch ein Pass. Noch einmal quer. Noch einmal nach einer besseren Lösung gesucht. Dann war Halbzeit. Viel investiert. Wenig daraus gemacht. 0:2.
Kapitel 4: Genau diese Reaktion wollten wir sehen
Eine Sache hat diese Mannschaft in den vergangenen Wochen mehrfach bewiesen: Sie kann auf Rückschläge reagieren. Und wie. Der Minutenzeiger hatte nach Wiederanpfiff noch keine vollständige Runde gedreht, da war Dynamo wieder da. 1:2. Plötzlich veränderte sich das Spiel. Unsere Mannschaft kam mit Wucht aus der Kabine, setzte Neubrandenburg unter Druck und glaubte wieder daran. Mitte der zweiten Hälfte fiel schließlich der verdiente Ausgleich. 2:2. Die WOLF SYSTEM ARENA war wieder da. Die Mannschaft war wieder da. Und angesichts des Spielverlaufs durfte man zu diesem Zeitpunkt durchaus glauben, dass hier noch mehr möglich war. Vielleicht sogar der komplette Turnaround. Bis zur 72. Minute.
Kapitel 5: Ein Fehler. Und danach stimmt nichts mehr.
In der Nähe der eigenen Eckfahne hatten wir die Situation eigentlich bereits unter Kontrolle. Statt den Ball konsequent aus der Gefahrenzone zu befördern, wollten wir die Situation spielerisch lösen. Ballverlust. Neubrandenburg nahm die Einladung an. 2:3. Ein Gegentor kann passieren, aber schon wieder 3? Was danach passierte, darf allerdings nicht passieren. Diesmal gab es keine Antwort. Im Gegenteil. Die Ordnung ging verloren. Die Abstände zwischen den Mannschaftsteilen wurden immer größer. Aus einem Team, das den Gegner zuvor unter Druck gesetzt und einen Zwei-Tore-Rückstand aufgeholt hatte, wurde innerhalb weniger Minuten eine Mannschaft, die auseinanderfiel. Neubrandenburg erkannte das. Und Neubrandenburg war clever genug, es gnadenlos auszunutzen. Das 2:4 fiel. Dann das 2:5. Und schließlich sogar noch das 2:6. Aus einem 2:2 und der berechtigten Hoffnung auf einen Heimsieg wurde innerhalb der Schlussphase ein Ergebnis, über das man nicht diskutieren muss. 2:6.
Was bleibt?
Vor einer Woche haben wir nach dem 2:3 gegen Malchow geschrieben: Vorne müssen wir konsequenter werden. Hinten müssen wir aufhören, dem Gegner Situationen anzubieten. Eine Woche später könnten wir dasselbe wieder schreiben. Tun wir aber nicht. Jeder, der dieses Spiel gesehen hat, kann sich seinen Teil denken. Viel schwerer wiegt diesmal ohnehin etwas anderes. Dass eine Mannschaft einen Fehler macht und ein Gegentor kassiert, gehört zum Fußball. Dass aus einem 2:2 innerhalb weniger Minuten ein 2:6 wird, lässt sich damit nicht mehr erklären. Nach dem 2:3 haben wir die Ordnung verloren.
Und genau darüber müssen wir reden. Wenn ein Spiel kippt, müssen wir enger zusammenrücken. Dann braucht es Kommunikation, Konzentration und die Bereitschaft, notfalls erst einmal einen Ball auf die Tribüne zu schlagen. Nicht jeder Ball muss schön gelöst werden. Nicht jeder Angriff braucht noch einen zusätzlichen Pass. Und nicht jede Situation verlangt nach der spielerisch elegantesten Antwort. Manchmal verlangt Fußball einfach nach Konsequenz. Auch offensiv. Die vergangenen beiden Spiele haben uns dabei noch etwas anderes gezeigt.
Malchow und Neubrandenburg haben gezeigt, warum sie zu den Spitzenmannschaften dieser Liga gehören. Nicht unbedingt, weil sie uns über 90 Minuten an die Wand gespielt haben. Sondern weil sie in den entscheidenden Momenten etwas hatten, was uns derzeit noch fehlt: Konsequenz. Beide Mannschaften brauchten deutlich weniger Möglichkeiten, um uns weh zu tun. Fehler wurden bestraft. Räume wurden genutzt. Chancen wurden zu Toren. Genau darin liegt momentan ein Unterschied. Wir können viel Ballbesitz haben. Wir können gute Phasen spielen. Wir können uns Möglichkeiten erarbeiten und einen 0:2-Rückstand aufholen. Aber am Ende entscheidet nicht, wer mehr investiert oder länger den Ball hat. Am Ende entscheidet, wer aus seinen Möglichkeiten Tore macht und wer sein Tor besser absichern kann.
Malchow und Neubrandenburg haben uns das innerhalb von acht Tagen ziemlich deutlich vor Augen geführt. Vier eigene Tore stehen in diesen beiden Spielen neun Gegentreffern gegenüber. Das ist die Realität. Und deshalb müssen wir momentan auch nicht darüber sprechen, ob diese Mannschaft eine Spitzenmannschaft der Verbandsliga ist. Ist sie aktuell nicht. Das ist keine Abrechnung. Es ist eine Bestandsaufnahme nach den ersten Wochen dieser Saison. Und vielleicht ist genau diese Erkenntnis wichtiger als jede Tabelle. Denn jetzt wissen wir, woran wir arbeiten müssen, wenn wir irgendwann dorthin wollen. Defensiv gemeinsam arbeiten. Fehler gegenseitig auffangen. Im letzten Drittel konsequenter werden. Und manchmal einfach auf das Tor schießen, statt noch die perfekte Lösung zu suchen. Denn bei aller Liebe zum schönen Fußball: Tore fallen nur, wenn irgendwann auch jemand den Abschluss sucht und das mit Konsequenz.
Nach einem 2:6 brauchen wir keine Durchhalteparolen. Wir brauchen eine Reaktion. Nicht in Worten. Auf dem Platz.
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